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Interview Eurosport

Herausgegeben von Lars Budack in Red Bull X-Alps 2013 · 24/7/2013 10:54:33
Tags: 05.07.2013

Interview Eurosport vor dem Start der RedBull X-Alps 2013

http://de.eurosport.yahoo.com/news/paragliding-angst-finde-angst-positiv-065818657.html

Paragliding - "Angst ist positiv"

Von Salzburg nach Monaco. 1.000 Kilometer, die Mensch und Material alles abverlangen. 1.000 Kilometer, nur zu Fuß oder mit dem Gleitschirm. Ein Wettrennen durch fünf Länder, immer entlang des Alpen-Hauptkamms. Am Sonntag starten die Red Bull X-Alps, eine der härtesten Herausforderungen für Extremsportler. Im Eurosport Interview der Woche haben wir mit dem deutschen Starter Lars Budack gesprochen.

Von Michael Wollny (Twitter: @Michael_Wollny) | Eurosport – Di., 2. Jul 2013 10:36 MESZ..

Der 41-jährige ist ein erfahrener Gleitschirmflieger, startete bereits mehrmals bei den Crossalps. Vor seinem Debüt bei den X-Alps ahnt er nur zu gut, was ihn bei einer der gefährlichsten Herausforderungen der Extremsport-Welt erwarten wird. Dementsprechend akribisch bereitet sich Lars Budack auf das Abenteuer vor.

Während Eurosport-Redakteur Michael Wollny im Büro sitzt, führt der Kölner das Telefonat an einer eher ungewöhnlichen Location.

Hallo Lars Budack, wo erreiche ich Sie denn gerade?

Lars Budack: Ich bin gerade an der Südwand-Hütte auf dem Dachstein und Blicke auf ein Problem, dem sich alle Athleten in wenigen Tagen stellen müssen, eine ziemlich verschneite Südwand nämlich.

Der perfekte Rahmen für unser Interview. Sind Sie denn schon nervös vor Ihrer X-Alps-Premiere?

Budack: Ja, ein klein wenig. Ich habe aber mit mehr Nervosität gerechnet, bin jetzt aber doch ziemlich gelassen. Ich lasse mich nicht von den äußeren Bedingungen unter Druck setzen. Das mag kurz vor dem Wettbewerb wieder anders werden, aber aktuell bin ich sehr relaxt und harre der Dinge.

Nervosität ist das eine, spielt auch Angst eine Rolle?

Budack: Das kann man schon sagen, ja. Aber Angst im positiven Sinne, wenn sie nicht zur Blockade führt. Der Körper schüttet Adrenalin aus, das macht einen aufmerksamer und konzentrierter. Man muss mit der Angst leben. Ich fände es problematisch, wenn ich in brenzligen Situationen keine Angst empfinden würde. Denn dann wird man fahrlässig und trifft vielleicht auch falsche Entscheidungen. Insofern finde ich Angst positiv, da ich keine Blockade entwickle.

Angst als Schutzfunktion?

Budack: Genau. Und diese Schutzfunktion sollte man annehmen und gegebenenfalls auch mal einen Schritt zurück machen.

Die Gefahr ist also kalkuliert.

Budack: Richtig. Es ist Risikominimierung. Wenn man das nicht macht, birgt dieser Sport Gefahren, die bis zum Tod führen können. Ich bin kein Harakiri-Mensch, der mit der ständigen Gefahr lebt. Ich versuche das Risiko zu minimieren und damit dennoch erfolgreich zu sein.

Sie sind verheiratet und haben Familie. Was sagen denn Frau und Tochter zu Ihrer Leidenschaft?

Budack: Meine Frau unterstützt mich bei diesem Abenteuer voll und steht auch von Anfang an hinter mir. Sie weiß eben auch, dass ich Risikominimierung betreibe und sie mir deshalb vertrauen kann.

Was war denn die brenzligste Situation, die Sie meistern mussten?

Budack: Da gibt es zwei. Am Sonnwendjoch bin ich mal ein Geröllfeld hinunter gerutscht und konnte mich erst kurz vor dem Abgrund fangen. Ein paar Meter weiter und ich wäre an der Steilwand abgestürzt. Und vor neun Jahren ist mir ein anderer Gleitschirm in meinen Schirm geflogen und hat ihn zerrissen. Ich war 150 Meter über der Erde, der Schirm ist kollabiert und ich kam ins Trudeln. 50 Meter über Grund musste ich den Rettungsschirm schmeißen und hatte Glück, dass es Aufwinde gab. Denn ich bin trotz allem recht sanft gelandet, hatte aber einen Schock.

Und der Andere?

Budack: Es war ein Flugschüler, ihm habe ich aber keinen Vorwurf gemacht. Der Fluglehrer hätte die Situation erkennen müssen. Ich habe mit ihm dann später mal noch ein Bier getrunken. Aber bei ihm saß der Schock so tief, dass er das Gleitschirmfliegen aufgegeben hat.

Sie sind dabeigeblieben. Wie sind Sie denn überhaupt zu diesem Sport gekommen?

Budack: Als Kind habe ich schon vom Drachenfliegen geträumt und auch viele Segelflieger gebaut. Ich habe immer mit der Materie Luft gespielt und hatte Spaß damit. Aber ich komme aus dem Bergischen Land westlich von Köln, da gab es keine Berge. Später während des Studiums war ich dann aber immer in den Bergen, im Sommer wie im Winter. Mitte Zwanzig habe ich dann mit dem Gleitschirmfliegen angefangen. Am Anfang stand ein Schnupperkurs und danach hat mich dieses Virus befallen. Ich dachte jede Sekunde daran, träumte sogar davon.

Das klingt nach mehr als nur Freizeitvergnügen.

Budack: Es ist vielmehr das Gefühl, mit der Natur im Einklang zu sein. Wir Menschen kommen aus der Natur, haben dieses Gefühl aber leider vergessen. Ich kenne Leute aus Österreich, die sind von traumhafter Natur umgeben, waren aber noch nie auf einem Berg. Es sind also nicht nur Stadtmenschen, die diese Verbindung verloren haben.

Das klingt fast philosophisch. Was bedeutet für Sie denn "Freiheit"?

Budack: Zu tun und zu lassen, was man gerne möchte. Sich seine eigenen Grenzen setzen zu können, das ist für mich ein Gefühl von Freiheit.

Ist diese Freiheit, durch die Luft zu fliegen, elitär?

Budack: Dieses Gefühl ist zwar nur Wenigen vorbehalten, aber jeder könnte es erreichen. Jeder könnte sich diese Freiheit nehmen, wenn er denn nur möchte. Viele Menschen wollen diese Freiheit aber gar nicht, viele schränken sich in ihrer Freiheit ein – bewusst oder unbewusst. Weil der Job Druck ausübt, weil die Familie Druck ausübt, oder weil man selbst Druck ausübt. Insofern ist meine Freiheit nicht elitär, sondern ich lebe bewusst mein Leben. Wenn ich mal 60 bin und nicht mehr Gleitschirm fliege, dann möchte ich sagen können: 'Gottseidank hast du so ein Leben geführt und bis nicht nur tagtäglich deinem Job nachgegangen und hast Frust vor dir hergeschoben.'

Was bereitet Ihnen neben dem Wetter denn am meisten Sorge?

Budack: Körperliche Gebrechen. Blasen an den Füßen, Gelenkprobleme. Das gilt es zu vermeiden. Ich darf nicht überpacen und meinem Körper durch die Drucksituation zu viel zumuten. Wenn man in diese Überbelastung reinkommt, dann muss man auch schnell aufgeben.

Fast zwei Wochen dauert der extreme Wettkampf. Wie bekämpft man die Müdigkeit? Das österreichische Koffein-Getränk allein wird nicht helfen können.

Budack: (lacht) Nein, das reich wohl nicht.

Ist die Müdigkeit ein Feind?

Budack: Man darf sie sich nicht zum Feind machen. Man muss mit ihr leben, denn sie wird unausweichlich kommen. Man muss regenerieren und die sechs Stunden, die man hat, unbedingt zum Schlafen nutzen. Es wird aber eine harte Nummer werden.

Dieses Jahr gibt es den "Night Pass", ein Joker, mit dem man die verbindliche Ruhepause einmal umgehen darf. Wann setzt man diesen Joker am besten ein? Gleich am Anfang, um Distanz vorzulegen. Oder eher am Ende, um Rückstände aufzuholen?

Budack: Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Das muss man wohl von der Situation abhängig machen. Mir persönlich bringt der "Night Pass" am Anfang nichts, denn ich werde den Dachstein nicht im Dunkeln erklimmen. Am ersten Tag wäre es Blödsinn. Und dann muss man schauen, wie die Wetterbedingungen sind, wo man nachts schneller vorbeikommt als die anderen und dann eventuell fliegen. Es kann auch hilfreich sein, wenn einem das Ausscheiden droht, um noch mal Boden gutzumachen.

Es geht ums Fliegen und ums Hiken. Wann geht man denn in die Luft, wann bleibt man am Boden?

Budack: Das ist abhängig von Wetter und Thermik. Man muss die Startplätze so wählen, dass man auch bei schlechtem Wetter Strecke macht. So muss man seine Flugroute und die Laufroute aufeinander abstimmen.

Haben Sie sich denn ein persönliches Ziel gesetzt, oder geht es nur ums heile Ankommen?

Budack: Die oberste Priorität hat, dass ich bis zum Ende durchhalte und nicht wegen einer Verletzung ausscheide, oder weil ich der Letzte bin. Was dann am Ende dabei herauskommt, mit meiner Routenwahl und meinem persönlichen Können, das muss man sehen. Es wäre schön, wenn ich es unter die ersten Zehn schaffen würde. Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass ich nicht auf dem Podium landen werde. Dafür sind einfach zu gute Jungs dabei. Ich bin das erste Mal dabei und werde alles geben. Wenn ein vorderer Platz rausspringt, dann bin ich überglücklich.

Alles Gute dafür und bleiben Sie gesund. Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:
http://de.eurosport.yahoo.com


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